Der Wind kommt nicht zu Besuch. Er gehört hierher, fährt an Trockenmauern entlang und liest die Wasserläufe wie alte Linien.
Im Vinschgau ist Wasser nie selbstverständlich. Es wird geführt, geteilt, erwartet. Die Waale ziehen als schmale, glänzende Sätze durch Hänge und Apfelreihen, und neben ihnen verlaufen Wege, auf denen der Schatten kostbar wird. Jeder Tropfen scheint zu wissen, dass er durch ein trockenes Tal reist.
Der Wind nimmt den Staub von den Mauern, rüttelt an Fensterläden und legt die Dörfer für einen Augenblick frei. Er macht nichts romantisch. Gerade deshalb bekommt alles Kontur: der Kalk an einer Hauswand, ein Birnbaum am Feldrand, das helle Rechteck eines Hofes unter einem viel zu großen Himmel.
Wer hier geht, lernt langsam zu schauen. Nicht auf Überfluss, sondern auf Beharrlichkeit. Der Vinschgau glänzt nicht weich; er leuchtet hart, und aus dieser Härte wächst eine Schönheit, die sich nicht anbietet.