Über den Wiesen stehen Langkofel und Plattkofel wie zwei helle Gedanken. Die Alm bleibt weit genug, um sie nicht besitzen zu wollen.
Auf der Seiser Alm lernt der Blick Entfernung. Langkofel und Plattkofel ragen nicht einfach am Rand auf; sie ordnen den Himmel. Ihre Wände wechseln mit jeder Wolke, und darunter bleibt die Weide erstaunlich ruhig, als hätte sie gelernt, Größe auszuhalten.
Zwischen Wegen, Latschen und grasenden Tieren wird die Landschaft nicht kleiner, je länger man geht. Sie öffnet sich neu, hinter jeder Kuppe ein anderer Winkel, hinter jedem Zaun ein anderes Verhältnis von Fels und Fläche. Die Dolomiten sind hier keine fremde Kulisse, sondern die Nachbarschaft der Alm.
Am Nachmittag ziehen Schatten langsam über das Gras. Dann werden die Massive schwerer, und die Hütten wirken vor ihnen fast vorläufig. Gerade das macht die Seiser Alm so stark: Sie ist groß, ohne laut zu werden.